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Landschaft

Die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens

Im äußersten Osten Belgiens, an der Grenze zu Deutschland und Luxemburg, liegt ein oft übersehenes Juwel: die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG). Mit nur rund 78.000 Einwohnern auf etwa 854 Quadratkilometern ist sie die kleinste der drei belgischen Sprachgemeinschaften – und doch eine der faszinierendsten. Hier wird Deutsch als Amtssprache gesprochen, belgische Lebensart trifft auf germanische Tradition, und die Eifel-Landschaft bietet unberührte Natur.

Die Region, die sich selbst gerne als Ostbelgien bezeichnet, umfasst neun Gemeinden entlang der deutsch-belgischen Grenze. Von den sanften Hügeln der nördlichen Eifel bis zu den dichten Wäldern der Ardennen im Süden erstreckt sich eine Landschaft von außergewöhnlicher Vielfalt. Obwohl die DG flächenmäßig klein ist, besitzt sie eine eigene Regierung, ein eigenes Parlament und weitreichende Zuständigkeiten – ein weltweit beachtetes Modell der Autonomie für sprachliche Minderheiten.

HauptortEupen
Flächeca. 854 km²
Einwohnerca. 78.000
SpracheDeutsch (Amtssprache)
Gemeinden9 (Eupen, St. Vith, Kelmis, Lontzen, Raeren, Bütgenbach, Büllingen, Amel, Burg-Reuland)
Höchster PunktSignal de Botrange (694 m)
ParlamentParlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft (25 Sitze)
RundfunkBRF (Belgischer Rundfunk)
NachbarländerDeutschland, Luxemburg
Bevölkerungsdichteca. 91 Einwohner pro km²

Geschichte der Ostkantone

Die Gebiete um Eupen, Malmedy und St. Vith gehörten bis 1920 zum Deutschen Reich. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie durch den Vertrag von Versailles an Belgien übertragen. Die Bevölkerung musste sich in der Zwischenkriegszeit an die neue Staatsangehörigkeit gewöhnen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet erneut von Deutschland annektiert, und viele junge Männer wurden zwangsweise in die Wehrmacht eingezogen. Diese tragische Geschichte hat tiefe Narben hinterlassen, die bis heute die Identität der Gemeinschaft prägen.

Der Übergang von Deutschland zu Belgien im Jahr 1920 verlief nicht reibungslos. Eine umstrittene Volksbefragung, bei der die Bürger ihre Meinung öffentlich in Listen eintragen mussten, ergab eine Mehrheit für den Verbleib bei Belgien – allerdings unter Bedingungen, die eine freie Meinungsäußerung erschwerten. In der Zwischenkriegszeit bemühte sich die belgische Regierung um die Integration der neuen Bürger, doch viele Bewohner fühlten sich weiterhin Deutschland verbunden. Die Spannungen zwischen pro-belgischen und pro-deutschen Strömungen prägten das gesellschaftliche Leben erheblich.

Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg (1940-1945) wurde das Gebiet dem Deutschen Reich einverleibt. Etwa 8.700 junge Männer aus den Ostkantonen wurden als sogenannte Zwangssoldaten in die deutsche Wehrmacht eingezogen. Viele von ihnen fielen an der Ostfront oder gerieten in Kriegsgefangenschaft. Nach der Befreiung standen die Ostkantone vor einer schwierigen Aufarbeitung: Kollaboration und Widerstand, Schuld und Unschuld lagen oft eng beieinander. Die Ardennenoffensive im Winter 1944/45 verwüstete vor allem die südlichen Gemeinden um St. Vith und Büllingen schwer.

Vom Nachkrieg zur Autonomie

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann für die Bewohner der Ostkantone ein langer Weg zur Anerkennung ihrer kulturellen Eigenständigkeit innerhalb Belgiens. Zunächst war die deutschsprachige Bevölkerung mit einem gewissen Misstrauen seitens der belgischen Gesellschaft konfrontiert. Erst mit den Staatsreformen ab 1970, die Belgien schrittweise in einen föderalen Staat umwandelten, erhielten die Deutschsprachigen zunehmend institutionelle Anerkennung. 1973 wurde der Rat der deutschen Kulturgemeinschaft gegründet, der 1984 zum vollwertigen Parlament mit gesetzgebender Gewalt aufgewertet wurde.

Jede weitere belgische Staatsreform brachte der DG zusätzliche Kompetenzen. Seit 2014 ist die DG auch für Teile der Raumordnung, des Wohnungswesens und der Energiepolitik zuständig. Diese schrittweise Erweiterung der Autonomie gilt international als Erfolgsmodell dafür, wie ein Staat sprachliche Minderheiten einbinden kann, ohne die nationale Einheit zu gefährden. Die DG nutzt ihre Gestaltungsspielräume aktiv und setzt eigene Akzente in Bildung, Sozialwesen und Kulturförderung.

Eupen, St. Vith und die Gemeinden

Eupen

Als Hauptort der DG beherbergt Eupen das Parlament und die Regierung der Gemeinschaft. Die Stadt am Fluss Weser besticht durch ihre barocke Architektur, die Tuchmachertradition und den lebendigen Karneval – einer der größten im deutschsprachigen Raum. Die imposanten Patrizierhäuser entlang der Hauptstraßen zeugen vom einstigen Wohlstand der Tuchindustrie, die Eupen im 18. und 19. Jahrhundert zu einer bedeutenden Handelsstadt machte.

St. Vith

Die Kleinstadt in den Ardennen wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört und wieder aufgebaut. Heute ist St. Vith ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen und Radtouren durch die Eifel-Ardennen. Der lebhafte Karneval und die jährlichen Viehmärkte sind Höhepunkte des Jahres. Mit seinem breiten Einzelhandelsangebot dient St. Vith auch als Versorgungszentrum für die umliegenden ländlichen Gemeinden.

Kelmis

Die Gemeinde Kelmis, nahe dem Dreiländereck Belgien-Deutschland-Niederlande gelegen, war einst als Neutral-Moresnet ein eigenständiges Mikro-Territorium. Zwischen 1816 und 1920 verwalteten Preußen und die Niederlande (später Belgien) dieses kleine Gebiet gemeinsam, da man sich nicht über die Zugehörigkeit der dort befindlichen Zinkminen einigen konnte. Heute erinnert das Göhltalmuseum an diese einzigartige Geschichte.

Büllingen und Bütgenbach

Die südlichen Gemeinden Büllingen und Bütgenbach sind geprägt von Landwirtschaft und Tourismus. Der Bütgenbacher See, ein Stausee inmitten grüner Hügel, ist ein beliebtes Naherholungsgebiet zum Schwimmen, Segeln und Angeln. Büllingen, die flächenmäßig größte Gemeinde der DG, beeindruckt mit weiten Eifellandschaften und einer reichen landwirtschaftlichen Tradition. Im Winter laden die Höhenlagen zum Langlauf ein.

Natur und Hohes Venn

Das Hohe Venn (Hautes Fagnes) ist eines der ältesten Naturschutzgebiete Belgiens und ein einzigartiges Hochmoor auf über 600 Metern Höhe. Auf Holzstegen wandert man durch eine mystische Landschaft aus Torfmooren, Heide und Birken. Der Signal de Botrange, mit 694 Metern der höchste Punkt Belgiens, liegt inmitten dieser faszinierenden Naturlandschaft. Im Winter verwandelt sich die Region in ein Langlauf- und Wintersportgebiet.

Die Hochebene des Venns erstreckt sich über eine Fläche von rund 5.000 Hektar und bildet eines der bedeutendsten Feuchtgebiete Westeuropas. Die Torfschichten, die sich über Jahrtausende gebildet haben, erreichen stellenweise eine Mächtigkeit von mehreren Metern. Seltene Pflanzenarten wie der Sonnentau, das Wollgras und verschiedene Torfmoose gedeihen hier in einer Umgebung, die an skandinavische Landschaften erinnert. Die Fauna umfasst Kreuzottern, Birkhühner und zahlreiche seltene Schmetterlingsarten.

Der Naturpark Hohes Venn-Eifel verbindet das belgische Hochmoor mit dem deutschen Nationalpark Eifel und schafft damit eines der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete Mitteleuropas. Zahlreiche markierte Wanderwege erschließen die Region, wobei besonders empfindliche Zonen nur auf Holzstegen betreten werden dürfen. Bei Trockenheit oder hoher Waldbrandgefahr werden Teile des Venns zeitweise gesperrt, um das fragile Ökosystem zu schützen. Das Naturparkzentrum Botrange informiert Besucher über die Geologie, Flora und Fauna der Region.

Die Vennbahn und Radtourismus

Die Vennbahn ist einer der längsten Radwege Europas auf einer ehemaligen Bahntrasse. Auf rund 125 Kilometern führt die asphaltierte Strecke von Aachen durch die Ostkantone bis nach Troisvierges in Luxemburg. Die sanften Steigungen der alten Eisenbahnlinie machen die Route auch für Familien und weniger sportliche Radfahrer gut befahrbar. Entlang der Strecke passiert man alte Bahnhöfe, Viadukte und Tunnel, die an die industrielle Vergangenheit der Region erinnern.

Die Vennbahn hat eine bemerkenswerte geopolitische Besonderheit: Da die Bahntrasse nach dem Ersten Weltkrieg belgisches Staatsgebiet blieb, entstanden durch ihren Verlauf mehrere kleine deutsche Enklaven auf belgischem Boden. Diese kuriosen Grenzverläufe existieren bis heute und sind ein sichtbares Zeichen der komplexen Geschichte der Region. Neben der Vennbahn bieten weitere Radrouten wie der RAVeL-Weg entlang der Weser und die Grenzroute durch das Göhltal abwechslungsreiche Möglichkeiten, die Ostkantone auf zwei Rädern zu entdecken.

Eupener Karneval und Brauchtum

Der Eupener Karneval gehört zu den ältesten und traditionsreichsten Karnevalsfeiern im deutschsprachigen Raum. Die Wurzeln reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Am Rosenmontag zieht ein farbenprächtiger Umzug durch die Straßen der Stadt, begleitet von Musikkapellen, Tanzgruppen und aufwendig gestalteten Motivwagen. Der Höhepunkt ist die symbolische Verbrennung des Hoppeditz, einer Strohpuppe, die das Ende der Karnevalszeit markiert. Die Eupener Karnevalsgesellschaften bereiten sich das ganze Jahr über auf die fünfte Jahreszeit vor, und die Prinzenproklamation am 11. November läutet die neue Session ein.

Auch in St. Vith pflegt man eine lebendige Karnevalstradition, die sich durch ihren ländlichen Charakter von der Eupener Feier unterscheidet. Darüber hinaus sind im Jahreskalender der DG zahlreiche weitere Feste und Traditionen verankert: Maibaumsetzen in den Dörfern, Schützenfeste im Sommer, Kirmes in jeder Gemeinde und die stimmungsvollen Weihnachtsmärkte in Eupen und St. Vith. Diese Feste und Traditionen stärken den Zusammenhalt der kleinen Gemeinschaft und bewahren ein kulturelles Erbe, das Elemente aus belgischer, deutscher und eigenständig ostbelgischer Identität vereint.

Autonomie und Parlament

Die Deutschsprachige Gemeinschaft verfügt über ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung mit weitreichenden Kompetenzen in Bildung, Kultur, Gesundheit und Sozialem. Dieses Maß an Autonomie für eine so kleine Bevölkerungsgruppe ist weltweit nahezu einzigartig und ein Beispiel für funktionierenden Minderheitenschutz. Die DG sieht sich als Brücke zwischen der germanischen und der romanischen Welt – dreisprachig aufzuwachsen (Deutsch, Französisch, Niederländisch) ist hier keine Seltenheit.

Das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft besteht aus 25 direkt gewählten Abgeordneten und tagt im Eupener Kehrweg. Die Regierung, bestehend aus einem Ministerpräsidenten und drei weiteren Ministern, führt die Beschlüsse des Parlaments aus. Zu den Zuständigkeiten gehören Personenbezogene Angelegenheiten wie Gesundheitspolitik, Behindertenbetreuung und Seniorenpflege, sowie Kulturelle Angelegenheiten wie Bibliotheken, Jugendschutz, Sportförderung und Medien. Seit der sechsten Staatsreform im Jahr 2014 übt die DG zudem Kompetenzen in der Beschäftigungspolitik und der Raumordnung aus. Das politische System Belgiens ermöglicht diese dezentrale Gestaltungsfreiheit.

Bildung und Sprache

Das Bildungssystem der DG ist vollständig deutschsprachig und wird eigenständig von der Gemeinschaft verwaltet. Von der Grundschule bis zum Abitur wird in deutscher Sprache unterrichtet, wobei Französisch bereits ab dem Kindergarten als Pflichtfach gelehrt wird. Viele Schulen bieten darüber hinaus Englisch und Niederländisch an, sodass die Schülerinnen und Schüler oft vier Sprachen beherrschen. Die Autonome Hochschule in der DG bildet Lehrkräfte und Pflegepersonal aus, während für weiterführende Studiengänge die Universitäten in Lüttich, Aachen oder Löwen bevorzugt werden.

Neben der deutschen Hochsprache pflegen viele Bewohner der Ostkantone ihre lokalen Dialekte, die sich von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden. Das Eupener Platt, das Kelmiser Platt und die Eifeler Mundart im Süden gehören zur ripuarischen beziehungsweise moselfränkischen Dialektgruppe. Obwohl der Dialektgebrauch bei jüngeren Generationen abnimmt, gibt es Bemühungen, das sprachliche Erbe durch Dialektabende, Theateraufführungen in Mundart und Wörterbuchprojekte zu bewahren. Die Sprachenvielfalt ist ein charakteristisches Merkmal der DG und prägt den Alltag in besonderer Weise.

BRF – Belgischer Rundfunk

Der BRF (Belgischer Rundfunk) ist der öffentlich-rechtliche Rundfunksender der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Er sendet ein Radioprogramm (BRF1 und BRF2) sowie ein Fernsehprogramm und betreibt ein umfassendes Onlineangebot. Als einziger deutschsprachiger Sender Belgiens spielt der BRF eine zentrale Rolle für die kulturelle Identität und den Informationsfluss in der Gemeinschaft. Nachrichten, Kulturbeiträge und Unterhaltungssendungen werden in deutscher Sprache produziert und spiegeln das Leben in Ostbelgien wider. Der BRF arbeitet eng mit den anderen belgischen Rundfunkanstalten RTBF und VRT sowie mit deutschen und luxemburgischen Sendern zusammen.

Wirtschaft und Industrie

Die Wirtschaft der DG ist vielfältiger, als man bei einer so kleinen Region vermuten würde. Der nördliche Teil um Eupen, Kelmis und Raeren ist stärker industriell geprägt: Hier finden sich Betriebe der Kabelindustrie, der Metallverarbeitung und des Kunststoffsektors. Die Firma Kabelwerk Eupen zählt zu den größten Arbeitgebern der Region. Der südliche Teil um St. Vith, Büllingen und Burg-Reuland ist dagegen landwirtschaftlich dominiert, mit Milchwirtschaft, Viehzucht und Forstwirtschaft als wichtigsten Erwerbszweigen.

Der Tourismus hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Hotels, Ferienwohnungen, Campingplätze und Gastronomiebetriebe profitieren von der wachsenden Beliebtheit der Region bei Naturliebhabern und Ruhesuchenden. Auch das Handwerk spielt eine wichtige Rolle: Bäckereien, Metzgereien und kleine Manufakturen produzieren regionale Spezialitäten, die weit über die Grenzen der DG hinaus geschätzt werden. Die Arbeitslosenquote liegt traditionell unter dem belgischen Durchschnitt, was auch der Grenznähe zu Deutschland geschuldet ist – viele Bewohner pendeln täglich über die Grenze zu ihren Arbeitsplätzen in Aachen und Umgebung.

Grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Euregio

Die DG ist aktives Mitglied der Euregio Maas-Rhein, einem grenzüberschreitenden Kooperationsraum, der Teile Belgiens, Deutschlands und der Niederlande umfasst. In diesem Rahmen arbeiten die Ostkantone eng mit der Städteregion Aachen, der Provinz Lüttich und der niederländischen Provinz Limburg zusammen. Gemeinsame Projekte in den Bereichen Verkehr, Arbeitsmarkt, Gesundheitsversorgung und Kultur machen die Staatsgrenzen im Alltag zunehmend durchlässiger.

Für die Bewohner der DG ist die Grenze zu Deutschland im täglichen Leben kaum spürbar. Einkäufe in Aachen, Arztbesuche in deutschen Krankenhäusern und Freizeitaktivitäten in der Eifel gehören zur Normalität. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Rettungswesen ermöglicht es, dass bei Notfällen der nächstgelegene Rettungsdienst alarmiert wird – unabhängig von der Nationalität. Ebenso nutzen deutsche Besucher die touristischen Angebote in Ostbelgien, sei es zum Wandern im Hohen Venn, zum Radfahren auf der Vennbahn oder zum Besuch der Eupener Karnevalsfeiern.

Kulturelle Identität zwischen Belgien und Deutschland

Die Bewohner der Deutschsprachigen Gemeinschaft pflegen eine Identität, die sich weder als rein belgisch noch als deutsch beschreiben lässt. Sie sind belgische Staatsbürger, die Deutsch sprechen, belgisches Bier trinken, die Roten Teufel anfeuern und gleichzeitig die Tagesschau schauen. Diese doppelte kulturelle Prägung ist kein Widerspruch, sondern wird als Bereicherung empfunden. Man feiert Karneval mit rheinischem Schwung, genießt aber auch die belgische Schokolade und die Frittürenkultur.

Die jüngere Generation identifiziert sich zunehmend bewusst als Ostbelgier – ein Begriff, der die Eigenständigkeit betont, ohne die Zugehörigkeit zu Belgien in Frage zu stellen. Kulturvereine, Theatergruppen und Musikensembles pflegen sowohl deutschsprachiges als auch belgisches Kulturerbe. Die Lage an der Schnittstelle dreier Länder und Kulturen macht die DG zu einem Ort, an dem europäische Integration nicht abstrakte Politik ist, sondern gelebter Alltag. Wer hier aufwächst, wechselt selbstverständlich zwischen Sprachen und Kulturen und entwickelt eine Weltoffenheit, die weit über die kleine Region hinausreicht.

Alltag in der kleinsten Gemeinschaft

Das Leben in der DG ist geprägt von kurzen Wegen, persönlichen Kontakten und einer überschaubaren Gemeinschaft, in der man sich kennt. Die Vereinsdichte ist außergewöhnlich hoch: Sportvereine, Musikvereine, Karnevalsgesellschaften, Schützengilden und ehrenamtliche Organisationen bilden das Rückgrat des sozialen Lebens. Fast jeder Bewohner engagiert sich in mindestens einem Verein, was zu einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl beiträgt.

Der öffentliche Nahverkehr verbindet die Gemeinden untereinander und mit den größeren Zentren Lüttich und Aachen. Im Alltag dominiert jedoch das Auto, da die ländliche Struktur vor allem im Süden der DG eine Anbindung per Bus erschwert. Die Versorgung mit Ärzten, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten ist trotz der geringen Bevölkerungsdichte gut. Ein Krankenhaus in Eupen und eines in St. Vith decken die medizinische Grundversorgung ab, während für spezialisierte Behandlungen die Universitätskliniken in Aachen oder Lüttich aufgesucht werden.

Geheimtipp Ostbelgien

Fernab des Massentourismus bietet die DG authentische Erlebnisse: Wanderungen durchs Hohe Venn, Radtouren entlang der Vennbahn (einer der längsten Radwege Europas auf einer ehemaligen Bahntrasse), traditionelle Eifelküche in gemütlichen Gasthöfen und eine warmherzige Bevölkerung, die Besucher willkommen heißt. Für deutschsprachige Reisende ist die DG ein besonders komfortables Reiseziel in Belgien.

Wussten Sie schon?

Die Gemeinde Kelmis war als Neutral-Moresnet über hundert Jahre lang ein staatenloser Mikrostaat – eines der kuriosesten Gebilde der europäischen Geschichte. Dort wurde sogar versucht, Esperanto als Amtssprache einzuführen. Der Bütgenbacher See, der größte See der DG, ist ein künstlicher Stausee, der in den 1930er Jahren angelegt wurde und heute eines der beliebtesten Ausflugsziele der Region ist. Und das Hohe Venn ist so empfindlich, dass bei Trockenheit rote Flaggen gehisst werden, die das Betreten der Moorgebiete untersagen.