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Musik und Film aus Belgien

Belgien hat eine erstaunlich reiche Musik- und Filmszene hervorgebracht, die weit über die Landesgrenzen hinaus wirkt. Von Jacques Brels unsterblichen Chansons über Stromaes globale Hits bis zu den Palme-d'Or-gekrönten Dardenne-Brüdern haben belgische Kreative die europäische Kulturlandschaft nachhaltig geprägt. Dieses kleine Land zwischen Frankreich, Deutschland und den Niederlanden vereint gleich mehrere Sprachgemeinschaften und Kulturtraditionen, was zu einer einzigartigen kreativen Vielfalt führt. Ob wallonisches Chanson, flämischer Indie-Rock, Brüsseler Hip-Hop oder elektronische Beats aus Gent – die belgische Musikszene ist so facettenreich wie das Land selbst. Auch der belgische Film hat sich in den letzten Jahrzehnten einen festen Platz im europäischen Kino erarbeitet und wird durch eine kluge Förderpolitik unterstützt.

Musik-Legenden

Jacques Brel

Der bedeutendste Chansonnier Belgiens wurde 1929 im Brüsseler Vorort Schaarbeek geboren. Seine leidenschaftlichen Auftritte und seine Lieder machten ihn zur Legende des französischsprachigen Chansons. Brel gilt als einer der einflussreichsten Liedermacher des 20. Jahrhunderts. Stücke wie Ne me quitte pas und Amsterdam gehören zum Kanon der Weltmusik. Brel gab 1966 seinen Abschied von der Bühne, wirkte danach als Filmschauspieler und Regisseur und verbrachte seine letzten Jahre auf den Marquesas-Inseln im Pazifik, wo er 1978 verstarb.

Stromae

Paul Van Haver alias Stromae wurde 2009 zum globalen Star. Seine Mischung aus elektronischer Musik, Hip-Hop und tiefgründigen französischen Texten ist einzigartig. Der Brüsseler mit ruandischen Wurzeln füllt weltweit Stadien und gilt als Erneuerer des frankophonen Pop. Sein Debüthit Alors on danse wurde in zahlreichen Ländern zur Nummer eins. Mit dem Album Racine carrée erreichte er 2013 Diamant-Status in Frankreich, und sein Comeback-Album Multitude von 2022 bewies, dass er weiterhin zu den wichtigsten Stimmen der europäischen Popmusik zählt.

Angèle

Die junge Brüsselerin Angèle Van Laeken eroberte die frankophone Welt mit ihrem Debütalbum Brol. Als Tochter eines Musikers und Schwester von Rapper Roméo Elvis liegt ihr die Musik im Blut. Ihr Pop mit feministischer Botschaft begeistert Millionen. Ihr Song Tout oublier wurde zu einem der meistgestreamten französischsprachigen Tracks weltweit. Angèle steht für eine neue Generation belgischer Künstlerinnen, die gesellschaftliche Themen mit eingängigem Pop verbinden und dabei eine riesige internationale Fangemeinde aufgebaut haben.

Toots Thielemans

Jean-Baptiste Frédéric Isidor Baron Thielemans, besser bekannt als Toots Thielemans, wurde 1922 in Brüssel geboren und gilt als der bedeutendste Jazz-Mundharmonikaspieler aller Zeiten. Er spielte mit Größen wie Charlie Parker, Ella Fitzgerald und Quincy Jones. Seine Komposition Bluesette aus dem Jahr 1962 wurde zu einem weltweiten Jazz-Standard. Thielemans erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde 2009 zum UNESCO-Künstler für den Frieden ernannt. Er verstarb 2016 in Brüssel.

Django Reinhardt

Der legendäre Jazzgitarrist Django Reinhardt wurde 1910 in Liberchies in der Provinz Hennegau als Sohn einer Sinti-Familie geboren. Trotz einer schweren Brandverletzung an der linken Hand, die zwei seiner Finger unbeweglich machte, entwickelte er eine revolutionäre Gitarrentechnik und begründete zusammen mit dem Geiger Stéphane Grappelli den Gypsy Jazz (Jazz manouche). Das Quintette du Hot Club de France wurde weltberühmt. Reinhardt gilt bis heute als einer der einflussreichsten Gitarristen der Musikgeschichte.

Adolphe Sax

Der 1814 in Dinant an der Maas geborene Adolphe Sax war Instrumentenbauer und Erfinder des Saxophons. Er meldete sein berühmtestes Instrument 1846 in Paris zum Patent an. Das Saxophon revolutionierte die Musikwelt und wurde zum unverzichtbaren Bestandteil von Jazz, Blues, Rock und Pop. In Dinant erinnert heute ein Museum an Sax, und überlebensgroße Saxophon-Skulpturen zieren die Brücke über die Maas. Ohne diesen belgischen Erfinder sähe die Musiklandschaft des 20. und 21. Jahrhunderts grundlegend anders aus.

Elektronische Musik und Tomorrowland

Belgien ist eine Großmacht der elektronischen Musik. Das Festival Tomorrowland in Boom bei Antwerpen ist nur die Spitze des Eisbergs. Seit seiner Gründung im Jahr 2005 hat sich Tomorrowland zum größten und bekanntesten Electronic-Dance-Music-Festival der Welt entwickelt. Jedes Jahr strömen über 400.000 Besucher aus mehr als 200 Ländern in die flämische Kleinstadt, um auf kunstvoll gestalteten Bühnen zu feiern. Die Tickets sind regelmäßig innerhalb von Minuten ausverkauft, und das Festival hat Ableger in Brasilien und anderen Ländern hervorgebracht.

Belgische DJs wie Dimitri Vegas & Like Mike, Lost Frequencies, Netsky und Amelie Lens haben weltweite Karrieren aufgebaut. Charlotte de Witte aus Gent gilt als eine der bedeutendsten Techno-DJs der Gegenwart und wurde als erste Frau zum Headliner der Mainstage von Tomorrowland ernannt. Die elektronische Szene des Landes wird oft unter dem Schlagwort Technoville zusammengefasst – ein Hinweis darauf, dass Belgien in diesem Genre eine ähnliche Stellung einnimmt wie Berlin oder Detroit.

New Beat – Belgiens eigenes Genre

Bereits in den späten 1980er Jahren entstand in Belgien mit New Beat ein eigenständiges elektronisches Genre, das die Clubkultur Europas nachhaltig beeinflusste. New Beat kombinierte Elemente aus Electronic Body Music (EBM), Acid House und Industrial zu einem langsamen, hypnotischen Sound mit etwa 100 bis 115 BPM. Clubs wie der Boccaccio in Destelbergen bei Gent wurden zum Epizentrum dieser Bewegung. Produzenten wie Jo Bogaert und Acts wie Confetti's oder Lords of Acid schufen Tracks, die in ganz Europa Gehör fanden. Obwohl die New-Beat-Welle nur wenige Jahre andauerte, legte sie den Grundstein für Belgiens spätere Dominanz in der elektronischen Musik und beeinflusste direkt die Entwicklung von Trance und Hardstyle.

Wallonische Chanson-Tradition

Die wallonische Chanson-Tradition reicht weit über Jacques Brel hinaus. Die französischsprachige Gemeinschaft Belgiens hat eine lange Geschichte der Liedkunst, die eng mit der Pariser Chanson-Szene verwoben ist, aber stets einen eigenen Charakter bewahrt hat. Künstler wie Salvatore Adamo, der mit seinen romantischen Balladen in den 1960er Jahren internationale Erfolge feierte, und Axelle Red, die Pop-Chanson mit gesellschaftlichem Engagement verband, stehen in dieser Tradition. Auch Lara Fabian, die in Etterbeek bei Brüssel geboren wurde, erreichte mit ihrer kraftvollen Stimme weltweiten Ruhm. Die wallonische Musikszene wird durch Festivals wie die Francofolies de Spa gepflegt, wo jährlich die besten Vertreter der frankophonen Musik auftreten.

Flämische Musikszene

Die flämische Musikszene hat sich seit den 1990er Jahren zu einer der lebendigsten in Europa entwickelt. Bands wie dEUS aus Antwerpen gelten als Wegbereiter des europäischen Indie-Rock. Ihre experimentelle Mischung aus Rock, Jazz und Avantgarde beeinflusste eine ganze Generation von Musikern. Hooverphonic wurden mit ihrem atmosphärischen Trip-Hop-Sound international bekannt und vertraten Belgien beim Eurovision Song Contest 2021. Die Band Gorki und der charismatische Sänger Arno Hintjens prägten die belgische Rockmusik über Jahrzehnte mit einer rauen, authentischen Kunst, die tief in der flämischen Identität verwurzelt war.

In jüngerer Zeit hat die flämische Popmusik einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt. Künstler wie Bazart, Balthazar und Tamino erreichen nicht nur in Flandern, sondern auch in den Niederlanden und darüber hinaus großes Publikum. Die Nähe zum niederländischen Markt ermöglicht es flämischen Musikern, ein deutlich größeres Publikum zu erreichen, als es die Größe der Region allein vermuten ließe.

Belgischer Hip-Hop

Die belgische Hip-Hop-Szene hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten von einer Nische zu einer kulturellen Kraft entwickelt. In der frankophonen Szene hat sich Brüssel als wichtiges Zentrum des französischsprachigen Rap etabliert, das neben Paris zunehmend an Bedeutung gewinnt. Rapper wie Damso, der aus dem Kongo stammt und in Brüssel aufwuchs, haben mit ihren Alben regelmäßig die Spitze der französischen und belgischen Charts erreicht. Roméo Elvis, Bruder von Angèle, verbindet Hip-Hop mit belgischem Humor und Alltagsbeobachtungen.

Auch auf flämischer Seite wächst die Szene stetig. Zwangere Guy aus Gent mischte Rap mit Jazz und Chanson und wurde zu einem der originellsten Stimmen des niederländischsprachigen Hip-Hop. Die mehrsprachige Natur Brüssels führt dabei zu einzigartigen musikalischen Kreuzungen, bei denen Französisch, Niederländisch, Arabisch und Englisch in einem einzigen Track verschmelzen können.

Belgischer Film

Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne aus Lüttich gewannen zweimal die Palme d'Or in Cannes – eine absolute Seltenheit im Weltkino. Mit Rosetta (1999) und L'Enfant (2005) setzten sie Meilensteine des sozialen Realismus. Ihre Filme zeigen das Leben der Arbeiterklasse in Wallonien mit ungeschönter Intensität und einer dokumentarisch anmutenden Kameraarbeit. Auch weitere Werke wie Le Gamin au vélo und Deux jours, une nuit mit Marion Cotillard wurden in Cannes ausgezeichnet. Die Dardenne-Brüder gelten als die bedeutendsten lebenden belgischen Filmemacher und als Vertreter eines europäischen Kinos, das gesellschaftliche Realität ohne Beschönigung abbildet.

Weitere belgische Filmemacher

Jaco Van Dormael

Der 1957 in Ixelles geborene Jaco Van Dormael ist einer der visuell einfallsreichsten Filmemacher Belgiens. Sein Debüt Toto le héros (1991) gewann die Caméra d'Or in Cannes. Mit Mr. Nobody (2009) schuf er ein philosophisches Science-Fiction-Epos, das zum Kultfilm wurde. Van Dormael verbindet poetische Bildsprache mit existenziellen Fragen und hat dabei einen unverwechselbaren Stil entwickelt, der zwischen Märchen und Realismus oszilliert.

Felix Van Groeningen

Der flämische Regisseur Felix Van Groeningen machte mit Filmen wie The Broken Circle Breakdown (2012) international auf sich aufmerksam. Der Film wurde für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Van Groeningen wechselte anschließend nach Hollywood und drehte Beautiful Boy (2018) mit Steve Carell und Timothée Chalamet. Er steht für eine neue Generation belgischer Filmemacher, die den Sprung auf die internationale Bühne geschafft haben.

Lukas Dhont

Lukas Dhont aus Gent sorgte 2018 mit seinem Debütfilm Girl für Aufsehen und gewann die Caméra d'Or in Cannes. Sein zweiter Film Close (2022) wurde für den Oscar als bester internationaler Film nominiert und gewann den Grand Prix in Cannes. Dhont erzählt mit großer Sensibilität von Identität, Freundschaft und dem Druck gesellschaftlicher Normen. Er gilt als eines der vielversprechendsten Talente des europäischen Autorenkinos.

Filmfestivals und Kulturzentren

Belgien verfügt über eine lebendige Filmfestival-Landschaft, die weit über das Land hinaus Beachtung findet. Das Film Fest Gent, gegründet 1974, ist das größte Filmfestival des Landes und zieht jährlich über 100.000 Besucher an. Es ist besonders für seine Verbindung von Film und Musik bekannt und vergibt den World Soundtrack Award für die beste Filmmusik des Jahres. Das Brussels International Film Festival (BRIFF) hat sich als wichtige Plattform für internationales Autorenkino und belgische Produktionen etabliert.

Das Festival International du Film Francophone de Namur (FIFF) widmet sich dem frankophonen Kino und ist ein Treffpunkt für Filmemacher aus der gesamten Frankophonie. Daneben spielt das Kulturzentrum Flagey in Brüssel eine herausragende Rolle im belgischen Kulturleben. Das Art-déco-Gebäude, einst Sitz des belgischen Rundfunks, beherbergt heute Konzertsäle, Kinos und Ausstellungsräume. Es ist Heimat des Brussels Philharmonic und ein zentraler Ort für Film- und Musikveranstaltungen in der Hauptstadt.

Filmförderung und belgisches Kino

Der Erfolg des belgischen Films wäre ohne eine kluge Förderpolitik undenkbar. Sowohl die flämische als auch die französischsprachige Gemeinschaft unterhalten eigene Filmförderungsfonds: den Vlaams Audiovisueel Fonds (VAF) in Flandern und das Centre du Cinéma et de l'Audiovisuel in der Wallonie-Bruxelles-Föderation. Diese Institutionen unterstützen jährlich Dutzende von Produktionen mit Entwicklungs-, Produktions- und Vertriebsförderung. Darüber hinaus bietet das belgische Tax-Shelter-System steuerliche Anreize für Investoren in audiovisuelle Produktionen, was Belgien zu einem attraktiven Standort für internationale Koproduktionen macht. Zahlreiche europäische und amerikanische Produktionen werden teilweise in belgischen Studios gedreht, was der lokalen Filmindustrie zusätzliche Impulse gibt.

Berühmtester MusikerJacques Brel (1929–1978)
Erfinder des SaxophonsAdolphe Sax (1814–1894, Dinant)
Größtes FestivalTomorrowland (Boom, Flandern, seit 2005)
Cannes-GewinnerDardenne-Brüder (2x Palme d'Or)
Elektronik-GenreNew Beat (entstanden Ende der 1980er)
Jazz-LegendeToots Thielemans (Mundharmonika, 1922–2016)
Jazz-GitarristDjango Reinhardt (Gypsy Jazz, 1910–1953)
Größtes FilmfestivalFilm Fest Gent (seit 1974)
Oscar-NominierungThe Broken Circle Breakdown (2013)
Jüngster Cannes-ErfolgClose von Lukas Dhont (Grand Prix 2022)
KulturzentrumFlagey, Brüssel (Film, Musik, Konzerte)
Filmförderung FlandernVlaams Audiovisueel Fonds (VAF)

Rock und Pop

Neben elektronischer Musik hat Belgien auch im Rock und Pop tiefe Spuren hinterlassen. dEUS aus Antwerpen gelten als eine der wichtigsten europäischen Indie-Bands der 1990er Jahre. Ihre Alben Worst Case Scenario und In a Bar, Under the Sea verbinden Rock mit experimentellen Klanglandschaften. Hooverphonic wurden mit ihrem Trip-Hop-Sound international bekannt und beeinflussten mit ihrer atmosphärischen Musik zahlreiche Künstler weltweit. Die flämische Band Gorki und der wallonische Rocker Arno Hintjens prägten die belgische Musikszene über Jahrzehnte. Arno, wie er sich schlicht nannte, galt mit seiner heiseren Stimme und seinen provokanten Auftritten als belgischer Serge Gainsbourg.

Auch im internationalen Mainstream hinterließ Belgien Spuren. Helmut Lotti aus Gent wurde mit seinen Klassik-Pop-Alben zum Bestseller, und Kate Ryan hatte mit Désenchantée einen europaweiten Dance-Hit. Die Vielfalt der belgischen Pop- und Rockszene spiegelt die kulturelle Mehrsprachigkeit des Landes wider: Manche Künstler singen auf Niederländisch, andere auf Französisch, viele auf Englisch, und einige wechseln mühelos zwischen den Sprachen.

Musik-Festivals

Neben Tomorrowland locken Rock Werchter, Pukkelpop, Dour, Couleur Café und Graspop Metal Meeting Hunderttausende Musikfans aus ganz Europa. Rock Werchter wurde mehrfach zum besten Festival Europas gewählt, Pukkelpop ist das größte Alternative-Festival des Kontinents, und Graspop gilt als eines der bedeutendsten Metal-Festivals weltweit. Belgien hat pro Kopf mehr Festivals als fast jedes andere Land der Welt – ein Zeugnis der tiefen Verwurzelung von Live-Musik in der belgischen Kultur. Mehr zu belgischen Festen →

Belgien – Geburtsland des Saxophons

In der malerischen Maasstadt Dinant wurde 1814 Adolphe Sax geboren, der Erfinder des Saxophons. Ohne diesen belgischen Instrumentenbauer gäbe es kein Jazz-Saxophon, keinen Rock 'n' Roll mit Saxophon-Solo und keine Ska-Bläsersätze. Die Stadt ehrt ihren berühmtesten Sohn mit bunten Saxophon-Skulpturen entlang der Maas-Brücke und einem interaktiven Museum, das die Geschichte des Instruments von der Werkstatt bis zur Weltbühne erzählt. Dinant ist damit ein Pflichtbesuch für alle Musikliebhaber, die Belgien besuchen.